JNM Bloc Yogyakarta
16. März – 15. April 2025
Der Mythos von der idealen Arbeitswelt wird oft von Generation zu Generation weitergegeben: eine Erzählung von Stabilität, Produktivität und Erfolg durch Hingabe. Dieser Mythos erwuchs aus der langen Geschichte des abgetrennten Arbeitsplatzes, der sich seit der Renaissance immer wieder gewandelt hat. Europäische Mönche des Mittelalters kopierten Handschriften hinter Vorhängen; im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Idee in der modernen Bürokratie weiter, als Büros begannen, Räume nach Funktion und Hierarchie zu trennen. Schließlich führte Robert Propst in den 1960er-Jahren die Bürokabine ein, das sogenannte Cubicle, um Flexibilität und Produktivität der Angestellten zu steigern. In der Praxis wurde die Bürokabine jedoch zum Symbol der Isolation und der Mechanisierung der Arbeitskraft.

Die Ausstellung „In(dies) Economy“ von Titik Kumpul Forum & Collective untersucht, wie diese Mythen entstehen und im heutigen Wirtschaftssystem wirken, insbesondere für die Gen Z. In den Händen der jungen Künstler, die die Ausstellung bespielen, wird der Mythos der idealen Arbeitswelt dekonstruiert. Die Ausstellung lädt dazu ein, die Bedeutung von Arbeit in einer sich ständig wandelnden Wirtschaftslandschaft neu zu befragen, in der Arbeitende zwischen systemischer Unsicherheit und digitaler Expansion stehen. In(dies) Economy bietet das Labyrinth als zentrale Metapher an, mit Kabinen, die die Spekulationen der Künstler beherbergen und die Besucher an die Schwelle zwischen Privatraum und Arbeitsraum führen.
Jedes Labyrinth verleiht seiner Unruhe eine eigene Form. Kay Saputra (2025) zeigt digital manipulierte Bilder, deren stark vergrößerte Pixel die Bedeutung des Dargestellten verschwimmen lassen. Außerdem setzt Kay einen Computerbildschirm mit Kamera ein, die die Bewegungen der davor sitzenden Besucher erfasst und in Codefolgen umwandelt, sodass das Bild auf dem Bildschirm wie zersplittertes Glas verzerrt erscheint. Die Arbeit An Assortment of Pixelated Items spiegelt eine zunehmend digitalisierte Arbeitsrealität. Konzeptuell steht die Verpixelung für den Verlust an Klarheit individueller Identität in repetitiven Arbeitssystemen. Wer die Arbeit betrachtet, beteiligt sich unbewusst am Entschlüsseln ihrer Bedeutung und baut ein Verständnis aus den eigenen Erfahrungen mit der Arbeitswelt auf. Ason (2025) hingegen verwendet wie eine Zeitung bedrucktes Papier, in der Arbeit Dekonstruksi Pocong: Karangan Bunga Padi Tumbuh1. In seiner Kabine stehen ein Regal mit fingierten Zeitungen, Notizbücher, ein Aschenbecher und die Nachbildung einer Schusswaffe. Ason erweitert die Auseinandersetzung mit dem Mythos um kulturelle und historische Zusammenhänge.



Mit fingierten Zeitungen aus dem Jahr 2002, die den Pocong als wissenschaftliches wie politisches Phänomen darstellen, lädt Ason das Publikum ein, darüber nachzudenken, wie Mythen, ob über Geister oder über Arbeit, durch Medien geformt und weitergegeben werden. Die Zeitungen an der Wand sind von Eisendraht verdeckt, der den Text versperrt, und bekräftigen so den Gedanken, dass Information stets eigene Verzerrungen und Konstruktionen in sich trägt, die unser Verständnis prägen. Die Arbeit versucht, die Wurzeln der Sprache und der Worte neu zu befragen, die die Gesellschaft über Generationen hinweg angenommen hat. In ihrer Kabine bietet Tocka (2025) eine weitere Spekulation an: eine Installation aus Rohgewebe (greige) und Garn, vernäht zu Computer, Maus, Tastatur und Voodoo-Puppe. Außerdem hängt dort eine Erinnerungstafel mit der Aufschrift DAYS WITHOUT CRYING, March full of tears.
Tocka ergänzt ihre Arbeit um ein interaktives Element: gelbe Stoffstücke in Form von Notizzetteln, jedes mit einem Wort beschriftet, „want“ „I“ „so“ „THEY“ „use“ „to“ „do“, die die Besucher neu anordnen können. So entsteht der Eindruck, dass die Erfahrung von Arbeit nicht statisch ist; sie verändert sich ständig mit der Art, wie wir ihr Bedeutung geben. Der Arbeitsraum, den Tocka inszeniert, wird zur Reflexion über das Ringen um eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben.

Die Ausstellung zeigt Kunst nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern auch als Medium eines aktiven Dialogs, wobei jede Kabine Interaktion auf ihre eigene Weise anbietet. Gerade diese interaktive Dimension führt die Besucher in Labyrinthe voller Spekulationen über die Arbeit und ihre Räume, die sich verhandeln und neu definieren lassen sollten und über die man sogar lachen darf. Auch der Mythos vom idealen Arbeitsplatz lässt sich brechen, durch den Mut, neue Bedeutungen zu schaffen. ![]()





Anmerkungen
- In der indonesischen Folklore der Geist eines Verstorbenen, der in seinem Leichentuch gefangen ist. ↩︎

Die aus Manado stammende Autorin und Musikerin hat zwei Bücher veröffentlicht: „Wewene Sanggar Waktu“ (Kumpulan Dongeng Perempuan Minahasa) und „Catatan-catatan yang Berserakan di Atas Ranjang“.
