Ace House Yogyakarta
11. September – 16. Oktober 2026
Der Anziehungskraft des Rohrrahmens und der Stahlseile, an denen die Arbeiten hängen, ist im Ausstellungsraum kaum zu widerstehen. Auf den ersten Blick wirkt die Gruppe wie eine Collage; sobald du näher kommst, löst sie sich in drei Arbeiten auf. Zwei rote Gemälde hängen vor einem bedruckten Stoff, und aus noch geringerer Entfernung zeigt sich das Detail: Die Farbe ist dünn über eine Montage alter Dokumente gestrichen, so dünn, dass die Dokumente darunter sichtbar bleiben. Einige Stellen bleiben von der Farbe unberührt: eine Liste mit Familiennamen, Unterschriften, Stempel, ein Briefkopf. Allein an diesen Stellen erkennt, wer Indonesisch liest, um welche Art von Dokumenten es sich handelt.
Ein paar Schritte zurück, eine Drehung, und der ganze Ausstellungsraum kommt in den Blick. Zwei Arbeiten von Dicky Takndare empfangen dich in der Ecke gegenüber dem Eingang, links davon die Arbeit von Amin Taasha und am fernen Ende des Raums die elf Arbeiten von Ika Arista, gerahmt vom Ausstellungstitel und dem Wandtext. Doch der Blick kehrt immer wieder zu den Arbeiten von Enka Komariah zurück, die an derselben Wand wie der Eingang hängen, gegenüber der Arbeit von Amin.
Die Ausstellung trägt den Titel Palimses, die indonesische Form des Wortes Palimpsest1: eine Handschrift, die auf einem Blatt neu geschrieben wurde, dessen frühere Schrift getilgt, aber nie ganz verschwunden ist. Ibrahim Soetomo, der Autor des Ausstellungstextes, teilt sie in zwei Haltungen ein. Die Arbeiten von Amin Taasha und Enka Komariah kehren oft zur ursprünglichen Logik des Palimpsests zurück, die von Dicky Takndare und Ika Arista erweitern sie, indem sie die Spuren der Tradition in eine heutige kulturelle Haltung hinüberführen. Die Einteilung räumt ein, dass die vier nicht auf dieselbe Weise arbeiten. Was nach dem Aufenthalt in diesem Raum bleibt, ist eine andere Frage: wie weit sich ein Begriff ausdehnen lässt, bevor er nicht mehr dasselbe erklärt wie ursprünglich.

Ramai Sepi und Pulang (beide 2026) sind auf eine Montage alter Dokumente gemalt. Hinter und zwischen den dargestellten Szenen scheint Enka uns anzuweisen, die Identität dieser Dokumente zu erfassen: eine Liste mit Familiennamen, Adressen, Unterschriften, Stempel und mehrere Dokumenttitel, etwa „DAFTAR : JUMLAH BEKAS TAHANAN DAN BEKAS NARAPIDANA G. 30.S/PKI“ und „SURAT KETERANGAN TIDAK TERSANGKUT DALAM GERAKAN KONTRA REVOLUSI GESTAPU/PKI“2. Der bedruckte Stoff trägt den Titel Buru: eine Fotografie des Lagers auf der Insel Buru, auf Stoff gedruckt und hinter den beiden Gemälden hängend.
Der Ausstellungstext beschreibt Enkas Arbeit mit dem Wort menimpa, überschreiben. Dasselbe Wort hat einen Verwandten im digitalen Raum: timpa teks3, die Praxis, den Text auf einem Screenshot oder Plakat durch einen neuen Satz zu ersetzen, meist um zu scherzen oder zu spotten. Der Scherz lebt von einer sichtbaren Naht: Seine Absurdität zeigt an, dass es sich nicht um eine echte Nachricht handelt, und in den Kommentaren verlangen die Leute nach dem doksli, dem dokumen asli, also dem Originaldokument. Eine Falschmeldung kann entstehen, wenn die Naht geglättet wird und der Kontext verloren geht.
In Enkas Arbeit wird die Forderung nach dem doksli an Ort und Stelle beantwortet. Aus der Ferne liest man zuerst ein Gemälde, sauber und ohne Naht; aus der Nähe liegt das doksli unter der Farbe und in den unbemalten Stellen, dem Apparat seiner Autorität. Die Arbeit gleicht einem timpa teks, das sein eigenes doksli gleich mitliefert. Was auch immer Enka beabsichtigt hat, die Arbeit lässt sich als Verhüllen lesen, nicht als Auslöschen.
The Blue Guardian (2026) von Amin ist ein Diptychon4, das eine blaue Wächterfigur im Schneidersitz zeigt. Laut Ausstellungstext geht die Figur auf Vajrapani5 zurück, eine Schutzfigur der Gandhara-Kunst in Afghanistan. Das Gesicht der Figur wird von der Lücke zwischen den beiden Rahmen geteilt, und jeder Rahmen ist zudem in drei Felder gegliedert. Die Materialien sind Aquarell, Gouache, Acryl und Siebdruck auf Papier. Im oberen Drittel stehen hinter dem Kopf der Figur zwei Gedichte von Hafis, auf einer gedruckten, gealterten Seite. Auf der einen Seite wächst ein Lotos vor Blattgold, auf der anderen ein Schlafmohn vor Blattkupfer. Aus der Ferne beherrschen die blaue Figur, die Blumen und eine goldene Flamme das Bild, während der Text in den Hintergrund tritt. Erst aus der Nähe löst sich die Flamme von der Schrift, auch wenn ihre Linie Schriftzügen ähnelt.

An den äußeren Rändern der beiden oberen Felder ist Schrift in arabischen Buchstaben noch deutlich zu sehen; zur Mitte hin verschwimmt sie mit der goldenen Flamme. Ohne sie lesen zu können, wissen wir aus dem Ausstellungstext, nicht aus dem Bild, dass es sich um Hafis handelt. In Enkas Arbeit gibt sich das Dokument, zumindest für jemanden, der Indonesisch liest, selbst zu erkennen. In Ibrahims Einteilung gehören beide zur selben Gruppe, und ihr Verfahren ist tatsächlich ähnlich: Dokument und Gedichtseite werden überschrieben, ohne entfernt zu werden. Der Unterschied liegt darin, was die Seite denen mitteilen kann, die ihre Schrift nicht lesen.
Für Ibrahim gehört Dicky zu der Gruppe, die das Palimpsest erweitert. Hier sucht er laut Ausstellungstext nach der Bedeutung von Zuhause für Menschen aus Papua in der Diaspora. Rumah yang Jauh (2025) verbindet die Formen einer Tür, eines Fensters und einer Maske mit zwei Armen, die den Pfeilern eines traditionellen Hauses aus Sentani6 nachgebildet sind, offenbar aus Polyesterharz. Jejak Seorang Asing (2025) zeigt ein Gesicht mit traditionellen Tätowierungsmustern auf Stirn, Wangenknochen und Kiefer, umgeben von einem gestuften Kronenbogen.


Ornament und Detail beider Arbeiten sind vom ersten Blick an vollständig lesbar, aus der Ferne wie aus der Nähe. Bei Rumah yang Jauh gehen die Farben von Harz und Teakholz ineinander über, die Grenze zwischen beiden ist kaum zu erkennen. Das Harz wirkt wie eine geschmeidigere Ergänzung des massiven Holzes. Der Eindruck des Alters entsteht aus Formensprache und Farbe. Bei Enka und Amin ist das Alte als Schicht vorhanden; hier als Formensprache.
Ika zeigt elf Sajen-Keris7 aus geschmiedetem Stahl und Nickel, jeder steht für ein Macapat-Lied8, die Griffe in Gestalt menschlicher Figuren. Laut Ausstellungstext ist sie eine Kerisschmiedin in einer von Männern dominierten Keris-Welt, und sie holt die Vergangenheit des Keris in ihre eigene Welt, nicht umgekehrt. Der Text nennt den Keris ein Palimpsest eigener Art: Sein Pamor9 verbindet verschiedene Metalle und ist zudem von Spiritualität und Mythologie überschrieben.

Aus der Ferne fällt eine Gruppe stehender Figuren ins Auge; erst aus der Nähe wird klar, dass die Figuren Keris sind. Die elf Keris unterscheiden sich voneinander: An den Griffen finden sich zwei miteinander verschmelzende Figuren, ein goldenes Gesicht, eine sich zurücklehnende Gestalt. Das Pamor ist wie eine Holzmaserung gemustert, sodass Stahl und Nickel altem, gräulichem, von der Sonne ausgebleichtem Holz gleichen. Hier sind die Metallschichten real und sichtbar, und was sie hervorbringen, ist der Eindruck des Alters.
Die Anordnung im Ausstellungsraum steht im Einklang mit Ibrahims Einteilung: Die Arbeiten von Amin und Enka stehen sich in der Mitte gegenüber, die von Dicky und Ika besetzen die beiden Enden des Raums. Bei Enka und Amin geht das Überschriebene nicht verloren. In der Art, wie er überschreibt, steht Amin an der Grenze zwischen beiden Gruppen: Seine Gedichtseite bleibt präsent, doch seine goldene Flamme ähnelt Buchstaben. Bei Dicky und Ika wirken neue Dinge alt: Harz verschmilzt mit Teakholz, geschichtetes Metall gleicht altem, verblasstem Holz.
Ibrahim liest die Arbeiten von Dicky und Ika als Tradition, die weiterlebt, und diese Lesart ist schlüssig: Ornamentik aus Sentani und das Schmieden von Keris sind beides Praktiken, die noch ausgeübt werden. Palimses kann weiterhin als Dachbegriff für alle vier dienen, doch dieses Dach überspannt nun zwei verschiedene Dinge: das Alte, das unter dem Neuen fortbesteht, und das Neue, das alt aussieht.
Der Ausstellungstext im Katalog endet mit dem Satz „Jejak-jejak mengemuka, ingatan dipulihkan“: Spuren treten hervor, Erinnerung wird wiederhergestellt.10 Die beiden Satzteile sind verschiedener Art. Spuren treten hervor, wenn wir näher kommen, wie bei Enka und Amin. Erinnerung wird über Formensprache und den Eindruck des Alters wiederhergestellt, wie bei Dicky und Ika; das Nähertreten schärft sie nur und legt keine ältere Schicht frei.
Anmerkungen
- Palimpsest kommt vom griechischen palimpsēstos, „wieder abgeschabt“. Ursprünglich bezeichnete der Begriff eine Handschrift auf Pergament, deren ursprüngliche Schrift abgeschabt oder getilgt wurde, damit das Blatt wiederverwendet werden konnte; Spuren der alten Schrift bleiben oft lesbar oder lassen sich wiederherstellen. Später wurde der Begriff für andere Phänomene entlehnt, die sich in Zeit und Raum überlagern, etwa einen Ort mit Schichten verschiedener Epochen. ↩︎
- Die Titel lauten übersetzt „Liste: Anzahl ehemaliger Häftlinge und ehemaliger Strafgefangener des G. 30.S/PKI“ und „Bescheinigung über die Nichtbeteiligung an der konterrevolutionären Bewegung Gestapu/PKI“. G30S/PKI und Gestapu sind die Bezeichnungen, die die indonesische Armee den Ereignissen des 30. September 1965 gab, der Ermordung von sechs Generälen in Jakarta, die sie der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI) zuschrieb. In der darauffolgenden Gewalt wurden Hunderttausende Menschen getötet und noch mehr ohne Prozess inhaftiert; Tausende politische Gefangene wurden in einem Lager auf der Insel Buru festgehalten. ↩︎
- Timpa teks ist eine Praxis in sozialen Medien, vor allem in Facebook-Gruppen, bei der der ursprüngliche Text auf Screenshots, Plakaten oder Fotos durch neuen Text ersetzt wird, meist um zu scherzen oder zu spotten. Siehe Redaksi Maklumat, „Timpa Teks, Cara Masyarakat Menertawakan Tingkah Pejabat Publik“, maklumat.id, 21. Juli 2025. Wird die Naht geglättet und geht der Kontext verloren, kann das Ergebnis für eine echte Nachricht gehalten werden; siehe Kastrat HMJ Fikom Unpad, „Fenomena Timpa Teks, Problematika Fact-Checking“, Medium, 11. Dezember 2025. ↩︎
- Diptychon (vom griechischen diptychos, „zweifach gefaltet“) bezeichnet ein Werk aus zwei Tafeln, die zusammen betrachtet werden sollen. Ursprünglich meinte der Begriff ein Paar zusammenklappbarer Tafeln aus Holz oder Elfenbein; später wurde er für Altartafeln in der europäischen Kunst verwendet. The Blue Guardian nutzt dieses Format für eine einzige Figur, die auf zwei Rahmen verteilt ist. ↩︎
- Vajrapani ist eine Schutzfigur in der buddhistischen Lehre. In der Gandhara-Kunst, einer Bildtradition, die aus der Begegnung griechischer und altindischer Kultur in einer Region entstand, die heute das Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan umfasst, wird er oft muskulös, mit Schnurrbart und Vollbart dargestellt, nach dem Vorbild des Helden Herakles. Laut Katalog verbindet Amin ihn mit Dwarapala, dem Torwächter heiliger Bezirke in der hinduistischen und buddhistischen Lehre, und seine Arbeit veranschaulicht Spuren der Gandhara-Kunst in Afghanistan. Der Katalog beschreibt das Bamiyan-Tal dort als einen Ort, der als kulturelles und archäologisches Palimpsest gelten kann: Im 6. Jahrhundert wurden zwei riesige Buddha-Statuen aus dem Fels gehauen; zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert wurden mit der Ausbreitung des Islam Festungen über oder neben älterer buddhistischer Architektur errichtet; und 2001 sprengten Taliban-Kämpfer beide Statuen mit Dynamit. Amin selbst wurde 1995 in der Provinz Bamiyan geboren. ↩︎
- Sentani ist eine kleine Stadt bei Jayapura, Papua, in der Dicky geboren wurde. Laut Katalog ist eines der drei traditionellen Häuser Sentanis, das Kombo, der Ort, an dem die Ältesten edle Werte, Traditionen und die Beziehung zwischen Mensch und Natur lehren. ↩︎
- Der Sajen-Keris, auch Majapahit-Keris genannt, ist eine alte Keris-Form, deren Klinge und Griff aus einem einzigen Stück Eisen geschmiedet sind, mit einem Griff in Gestalt einer menschlichen Figur. Er dient als Talisman bei bersih desa, dem Ritual der Dorfreinigung, und wird laut Katalog nach dem Ritual wieder in Reisfeldern oder Äckern vergraben. ↩︎
- Macapat ist traditionelle javanische gesungene Dichtung mit festen Regeln. Ihre elf Liedformen bilden den menschlichen Lebenszyklus ab, vom Mutterleib (Maskumambang) bis zum Tod (Pocung). ↩︎
- Pamor ist das silbrig-weiße Linien- oder Wirbelmuster auf einer Kerisklinge, das durch das wiederholte Verschmieden verschiedener Metalle entsteht. ↩︎
- Übersetzung: URAKAN. Die englische Fassung des Katalogs lautet „Traces surface, memory restored“, der englische Text der Galerie „Traces resurface, memories reside“. ↩︎
