Orbital Dago Bandung
13.-18. Januar 2026
Fünf Stücke frittierter Tempeh — echter Tempeh, keine Nachbildungen — sind aneinandergeklebt und bilden einen offenen Würfel, der mithilfe eines quadratischen Holzbalkens an der Wand befestigt ist. In seiner Mitte steckt die zusammengerollte Fotokopie eines Universitätsdiploms, höchstwahrscheinlich gefälscht, mit Passfoto und der Aufschrift „Universitas Gadjah Mada, Fakultät für Forstwirtschaft“, darauf blass gedruckt ein Name: Joko Widodo. Wohin der Spott zielt, muss man kaum erraten, wenn man aufgefordert wird, ein Diplom, frittierte Snacks und einen Holzbalken zusammenzumixen. Die Diplomaffäre1, die für so viel Aufruhr sorgte, ist nur eines von vielen komischen Materialien in Rage Against the Muchsin, einer Einzelpräsentation von Argya Dhyaksa — einem Künstler, der älter ist als Google.

Der Rest ist — in leichter Umdeutung von Sianne Ngais Theorie — ein Sammelsurium und zugleich ein Prototyp dessen, was sie die Ästhetik des Gimmicks nennt.2 In Rage Against the Muchsin (RATMuchsin) führt Argya diese Form ästhetischen Urteilens in zwei Modi vor. Erstens arbeitet er übermäßig hart daran, etwas hervorzubringen — einzig, um Aufmerksamkeit zu ernten — dem es gelingt, zur Vergeblichkeit zu werden. Zweitens arbeitet er beinahe zu leichthändig, indem er für seine Einzelpräsentation eine Handvoll Fragmente zusammenstellt — die dennoch die Bezeichnung Kunstausstellung verdienen. Kurz: Rage Against the Muchsin ist Mimikry des Gimmicks und zugleich sein Schreckgespenst, gerade weil es auf Vergeblichkeit aufbaut.
Wenn Katzenkot — in Keramikform — zur Hauptattraktion wird, ist klar, dass es unklug wäre, Argyas Präsentation durch eine konventionelle Brille zu lesen. Einer der einfachsten Zugänge wäre, RATMuchsin mit der Struktur des Gehirns samt limbischem System zu vergleichen. Das droht jedoch allzu leicht zur Pose der Schlauheit zu geraten. Sie stattdessen durch die Brille der Astrologie zu lesen, wäre ein anderer Ansatz. Als Löwe bietet Argya vieles, was sich herausschälen ließe, abgesehen von seiner Obsession für Brausetabletten. Und genau aus diesem astrologischen Grund ist es auch an der Zeit, diesen Gedankengang ganz abzubrechen und zum Werk selbst zurückzukehren. Ganz wie die Sätze unmittelbar vor dem, den Sie gerade lesen, funktioniert Argyas Arbeit, indem sie die Vergeblichkeit arbeiten lässt.
RATMuchsin ist eine Maschine zur Reproduktion von Vergeblichkeit. Bis zu einem gewissen Grad können wir sie deshalb Glück nennen, das aus dem Spiel entsteht. Das zeigt sich an der „Maschine“ in der Mitte des Raums. Man könnte sagen, die Arbeit ähnelt einer Rube-Goldberg-Maschine — benannt nach dem Cartoonisten, der für absichtlich sinnlose Erfindungen berühmt war: übermäßig komplexe Lösungen für belanglose Zwecke. Bei Goldberg: aufwendige Apparate zum Abwischen der Lippen, eigentümliche Werkzeuge zum Anspitzen von Bleistiften und so weiter. Bei Argya: eine verschlungene Murmelbahn, die ein Xylofon anschlägt, bevor sie die Murmel in ihre ursprüngliche Schale zurückbringt, und — auf einer anderen Route — eine Murmelrutsche in ein Katzenklo voller Streu samt nachgebildetem Katzenkot. Daneben ein Schild: „PINKELN 1000, KACKEN 2000, I LOVE U 3000“.3 Halten Sie Ihre Gefühle im Zaum — Argya hat diese Warnung von Anfang an ausgesprochen, mit einer Keramik, verziert mit einem Shizuka-Comicpanel samt Sprechblase: komm schon, Bro, das ist doch nur Kunst.




RATMuchsin ist ein Gebräu aus Absonderlichkeit und Humor, das online zirkuliert und in die physische Welt durchsickert. „Das ist doch nur Kunst“ ist eine rhetorische Aussage darüber, wie Kunst inmitten der Verwicklungen der Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren kann — oder eben nicht. Auch wenn sie nicht ganz neu ist, verdient Argyas Methode Beachtung als Weg, die Mechanik unserer Aufmerksamkeit in den heutigen sozialen Medien zu sezieren. Der Kern der Absurdität, die er präsentiert, liegt in unserer Antwort auf die Frage: Was bringt uns dazu, unsere Aufmerksamkeit abzulenken?
In RATMuchsin schreibt Argya: „In der Ausstellung Rage Against the Muchsin gibt es einige Regeln, deren Befolgung zumindest innerhalb des Ausstellungsraums empfohlen wird; diese Regeln gelten jedoch nicht mehr, sobald Sie sich außerhalb des Ausstellungsraums befinden, da alles außerhalb bereits außerhalb meiner Befugnis liegt.“ Dieser im Original 47 Wörter lange Satz steht auf einem Blatt Papier an der Ausstellungswand und eröffnet eine Liste von Dos and Don’ts. Die Verbote unter den Don’ts reichen vom Banalen bis zum Bizarren: eine schwangere Frau treten, bis sie hinfällt (falls schon geschehen, bitte sofort entschuldigen), behaupten, man habe etwas getan, obwohl man es nicht getan hat, eine Hochzeit ausrichten, Songs von Juicy Luicy in voller Lautstärke abspielen, kleine Kinder mitbringen (2 cm), über die Biennale Jogja streiten, bis der Wunsch aufkommt, einander wehzutun, für die eigenen Privilegien nicht dankbar sein und schließlich bei sich denken: „Ach, wenn’s nur so was ist, kann ich das auch.“

Dieser komische Ton setzt sich in Argyas Liste der Dos fort: Sklaven befreien, ein besserer Mensch werden als heute, Sklaven befreien, Uniqlo-T-Shirts tragen, versuchen, logisch zu denken — komm schon, denk logisch — abstrakte Bilder malen, Schulden begleichen, beim Essen YouTube schauen, immer wieder in die Vergangenheit reisen, um geliebte Menschen davon abzuhalten, mit dem Rauchen aufzuhören, und ein Kollektiv gründen, obwohl man schon weiß, dass es sich irgendwann auflösen und Streit untereinander auslösen wird. An diesem Punkt merken manche Leser vielleicht, dass diese beiden ausufernden Listen mehr sind als bloß beschreibende Elemente. Sie dienen als Material zur Reflexion über genau die Frage, die zuvor gestellt wurde: Was bringt uns dazu, unsere Aufmerksamkeit abzulenken?
Die Antworten mögen variieren, doch RATMuchsin scheint eine Marketing-Maxime umzusetzen: „Wenn du erkennst, dass du nie aufholen wirst, indem du gleich bist, mach eine Liste der Wege, wie du aufholen kannst, indem du anders bist.“ Und da ist es — genau das, was unsere Aufmerksamkeit umlenkt: ein krasser Unterschied (oder, ein andermal, eine verborgene Ähnlichkeit, die sich als Gleichheit tarnt). Genau hier knüpft die Arbeit an das Gimmick als kapitalistische Form an. Der Unterschied wird zur Tauscheinheit für die Bündelung unserer Aufmerksamkeit. Und genau dort wirkt das Gimmick. Ngai beschreibt es in Theory of the Gimmick als „… eine Ästhetik, die einer Produktionsweise eigen ist, die Wert an Arbeit und Zeit bindet …“
Während unsere Aufmerksamkeit abgelenkt wird, macht sich das Gimmick mit ihr an die Arbeit. Wir bezahlen etwas, das sich später als sinnlos anfühlt, mit unserer Zeit und unserer Aufmerksamkeitsarbeit. Im International Art English: paying attention. Hier zeigt sich der Kern der Ästhetik des Gimmicks: der Moment, in dem Sie fluchen möchten und dabei zugleich beiseiteschieben, wie erfolgreich das Gimmick Ihre Aufmerksamkeit umgelenkt und Ihnen das Gefühl gegeben hat, Zeit verschwendet zu haben. Um Argyas eigenen Witz dazu zu paraphrasieren: „Ach, wenn’s nur so was ist, kann ich das auch.“
Ngai beschreibt diese Ambivalenz als normale Reaktion auf die Begegnung mit dem Gimmick. Der Kommentar „nur so was“ enthält unser Urteil über das Gimmick als arbeitssparenden Trick. Tatsächlich arbeitet Argya beinahe zu leichthändig, statt technisch beeindruckende Werke zu schaffen, die Kennerschaft zur Schau stellen. Zugleich arbeitet er übermäßig hart, indem er Keramikfragmente und Ansammlungen von Fundstücken als Währung arrangiert, mit der die Aufmerksamkeitsökonomie arbeiten kann. Doch inmitten all dessen setzt Argya eine Kombination ein, die reflexives Potenzial birgt, als Ausweg aus der Falle, die das Gimmick als illusorischer ästhetischer Modus des Kapitalismus selbst stellt: Ansammlungen komischer Memes.



Argya schöpft in RATMuchsin die komischen Memes voll aus. Manche nehmen die Form von Ceramemes an — ein Kofferwort aus ceramic und meme — und übertragen die Meme-Ästhetik ins Material Keramik. Beispiele sind Sucipto, der verschwommene Hai, oder der Macan Putih Kediri, der einem Nilpferd ähnelt. Andere parodieren Arbeiten befreundeter Künstler, etwa You Promised Me Interstellar Instead I Got Ipar Adalah Maut mit Bezug auf Nurrachmat Widyasena; Umkehrungen von Adytria Negaras Serie The Reverse of Things; oder Parodien von Agung Hujatnikajennongs Buchcovern, verwandelt in Kurasa Kuaci. Diese Referenzen sollen nicht vollständig erkannt werden, sondern flüchtig vorbeiziehen. An diesem Punkt bewahrt die Ansammlung von Komik selbst — um noch einmal auf Ngai zurückzukommen — das bestimmende Merkmal des Gimmicks: Sie bringt „eine einzigartige Reihe kollektiv erzeugter Abstraktionen und eigentümlich asozialer Formen von Sozialität“ hervor.
Dieser letzte Punkt verdient Aufmerksamkeit. Ein zentrales Element von Memes ist ihre Sozialität. Zugleich hindern sie uns jedoch daran, das spezifische Element zu erkennen, das sie überhaupt erst möglich macht: die Arbeit ihrer Urheber. Im Streben nach schneller und leichter Zirkulation lässt sich Spezifik kaum aufrechterhalten. Erfolgreiche Memes löschen meist die Namen ihrer Macher aus. Was bleibt, ist ein bloßes Format, das endlos zirkuliert. Auch das ist eine Form arbeitssparender Tricks, die uns zurück in die Kreisläufe des kognitiven Kapitalismus zieht. In RATMuchsin wird dem vorgegriffen, indem inmitten der Weite der Vergeblichkeit ein Modus der Spezifik eingeführt wird: die Politik der Erinnerung. Einmal mehr gelangt Argya über die Komik an diesen Punkt.

Weiß Argya sich in anderen Arbeiten von RATMuchsin im Scherz noch zu zügeln, so überschreitet er diese Grenze in einer Ecke von Orbital Dago. Ein Gemälde steht auf einem Sockel. An der Wand, an der das Gemälde lehnt, steht auf einem Schild: RICHTEN SIE DIESES GEMÄLDE (?) AUF DIE TASCHENLAMPE IM INNEREN, UM DEN EFFEKT DER REUE ZU ERZIELEN. Folgt man der Anweisung, findet man neben der leuchtenden Taschenlampe einen Teller mit der Aufschrift NA, BEREUT, DASS DU GEHORCHT HAST?, die unsichtbar bleibt, bis man näher herantritt. Dies ist eine der deutlichsten Bestätigungen dafür, dass in RATMuchsin, wie beim Gimmick als ästhetischer Erfahrung, die an das Nicht-Ästhetische gebunden ist, alles augenblicklich in Vergeblichkeit zusammenfallen kann.
Wenn ganz RATMuchsin nichts als Vergeblichkeit ist, was zählt dann? Zwischen den nutzlosen Murmelbahn-Maschinen, Fotos von Nurdian Ichsan und einem QR-Code, mit dem man frittierte Snacks bei Warung Bu Gati bestellen kann — allesamt leicht zu verachten und zu vergessen — stoßen wir auf eine kleine Szene mit weitreichenden Folgen: Ein Miniatur-Polizeiauto überrollt eine menschliche Figur aus Keramik. Ein Fragment, verbunden mit einem realen Ereignis. Der 28. August 2025 ist der Tag, an dem Affan Kurniawan4 starb. Er war nicht allein; mindestens neun weitere Menschen wurden ebenfalls getötet. Inmitten von RATMuchsins Feld der Witze entsteht eine Pause — eine, die Komik in Grabrede verwandelt. Eine Notiz zu Forderungen nach Gerechtigkeit, die immer weiter aufgeschoben werden. Rage Against the Muchsin mag so als Traktat über den Zorn in der Aufmerksamkeitsökonomie wirken: eine Erinnerung daran, dass der Kampf des Menschen gegen ungerechte Macht letztlich ein Kampf darum ist, den Zorn gegen das Vergessen zu bewahren. ![]()

Anmerkungen
- Diplomaffäre: Joko Widodo, Präsident Indonesiens von 2014 bis 2024, sah sich wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, sein Abschlusszeugnis der Universitas Gadjah Mada sei gefälscht. Die Universität hat seinen Abschluss bestätigt. (Anm. d. Red.) ↩︎
- Sianne Ngai ist eine zeitgenössische Literaturkritikerin und Kulturtheoretikerin, deren Werk sich eingehend mit ästhetischen Formen und ästhetischem Urteilen befasst, wie sie in der sozialen Welt im Griff des Spätkapitalismus wirken. In Theory of the Gimmick: Aesthetic Judgment and Capitalist Form (Cambridge: The Belknap Press of Harvard University Press, 2020) widmet sie sich dem Gimmick als einer für den Kapitalismus charakteristischen ästhetischen Form: einer zweifelhaften Vorrichtung, die „zu hart und/oder zu faul“ arbeitet, die Einsparung von Arbeit und Zeit verspricht und zugleich Zweifel an ihrem ökonomischen Wert weckt. In Argya Dhyaksas Ausstellung werden Gimmicks vielfach eingesetzt und durchgespielt. Ein Beispiel ist der kostenlose transparente Sticker — genauer gesagt ein Sticker mit Schachbrettmuster, der Transparenz imitiert wie eine PNG-Datei — der hart auf eine Art Vergeblichkeit hinarbeitet. ↩︎
- Toilet sign: Anspielung auf die Preisschilder öffentlicher Toiletten in Indonesien, die Gebühren in Rupiah ausweisen. „I Love You 3000″ ist zugleich der Titel eines bekannten indonesischen Popsongs. (Anm. d. Red.) ↩︎
- Affan Kurniawan: Affan Kurniawan, Fahrer eines Online-Motorradtaxis, wurde am 28. August 2025 während Protesten in Jakarta von einem gepanzerten Polizeifahrzeug überfahren und getötet. (Anm. d. Red.) ↩︎

Als Forscher widmet sich Rifki Akbar Pratama der Schnittstelle von Geschichte und Psychologie, den emotionalen Geschichten der Linken nach 1965, intertemporalen Entscheidungen und der Politik der Affekte. Gemeinsam mit dem in Yogyakarta ansässigen transdisziplinären Forschungskollektiv KUNCI Study Forum & Collective beschäftigt er sich im Rahmen des Programms School of Improper Education mit kritischer Pädagogik, künstlerischer Praxis und Wissensproduktion. Seine jüngste Forschungslinie, gemeinsam mit Studio Malya und Reza Kutjh entwickelt, widmet sich historischer Erinnerungsarbeit in der spielbasierten Performance Yang Menyelinap Tak Mau Lesap (2025). Sein Interesse am Publizieren führte ihn zudem zur Zusammenarbeit mit Ufuk für die Jakarta Biennale 2021, wo er die Aufmerksamkeitsökonomie durch kollektives, unkonventionelles Publizieren untersuchte.
